Ich möchte nicht den Teufel an die Wand malen. Ich möchte nur – ritsch ratsch – eine toxische Fratze des Patriarchats zerreißen.
Ich höre die skeptischen, die kritischen Kommentare unter meinem letzten Beitrag zum After Baby Body schon, bevor ich sie lese: Was soll daran so schlimm sein? Jede Frau möchte doch nach der Schwangerschaft und Geburt wieder so aussehen wie davor, das ist doch ihr gutes Recht. Gewalt da mit reinzubringen, ist doch völlig übertrieben – können wir die Kirche im Dorf lassen?
Nein, wir können die Kirche nicht im Dorf lassen, aber Butter bei die Fische: After Baby Body und sexualisierte Gewalt in einem Atemzug zu nennen, mag ungewohnt und befremdlich anmuten, was es jedoch nicht weniger berechtigt oder gar richtig macht. Warum sich viele daran stoßen, erklärt sich hiermit:
- Wir leben in einer patriarchal geprägten Gesellschaft, in der sexualisierte Gewalt zum Alltag gehört. Wenn jemand ungefragt den Bauch einer Schwangeren berührt. Wenn stillende Menschen in der Öffentlichkeit sexualisiert oder beschämt werden. Wenn Werbung den Körper nach der Geburt als etwas darstellt, das repariert oder optimiert werden muss, aka After Baby Body.
- Wir lernen von ganz klein auf, dass weiblich gelesene Körper auch immer Allgemeingut und Projektionsfläche sind. Sie werden kommentiert, bewertet, kontrolliert, fremdbestimmt. Sie sollen für die Bedürfnis‑, Wunsch‑, und Erwartungsbefriedigung anderer funktionieren.
- Wir haben unser Leben lang die Information gefüttert bekommen, dass all das nichts mit sexualisierter Gewalt zu tun hat. Uns wurde früh vermittelt, dass vieles, was tatsächlich Gewalt ist, harmlos sei, normal, „ist halt so“. Mit der Zeit sickert das ein. Und irgendwann fühlt es sich selbstverständlich an, wenn weiblich gelesene Körper verfügbar gemacht, kommentiert, vereinnahmt werden, oder mit klaren Worten: instrumentalisiert, ausgebeutet, fremdbestimmt.
Dieses System funktioniert, weil wir es nicht mehr sehen, weil sexualisierte Gewalt normalisiert und damit unsichtbar gemacht wird. Aber Normalität macht Gewalt nicht weniger gewaltvoll. Sie macht sie nur unsichtbarer.
Es kostet jede Menge Anstrengung und Kraft, genau hinzusehen, das vermeintlich “Normale” zu demaskieren und exakt zu benennen, was wirklich Sache ist. Gute Fragen, um sexualisierter Gewalt auf die Spur zu kommen und das eigene kritische Hinterfragen zu trainieren sind: Wem dient diese Darstellung? Wer hat Nutzen? Wer profitiert davon und wer verliert etwas?
Dieses Hinterfragen und Verlernen ist kein einfacher Prozess, denn unsere Prägungen sitzen tief. Aber wer jetzt beim Lesen dieses Beitrags schon merkt: Da ist was dran – und anfängt, die eigene Wahrnehmung zu schärfen, macht schon einen riesengroßen Unterschied.
Autorin: Nadine Birner
