Sexualisierte Gewalt in Schwangerschaft und Geburt — wir müssen reden.
Triggerwarnung: Dieser Beitrag behandelt sexualisierte Gewalt und Gewalterfahrungen in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Bitte lies ihn achtsam und pausiere, wenn du merkst, dass er dich belastet.
Sexualisierte Gewalt begegnet uns überall. Oft bleibt sie verborgen — besonders dort, wo wir Schutz, Fürsorge und Geborgenheit erwarten. Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett gehören zu den sensibelsten Lebensphasen. Schwangere und gebärende Menschen befinden sich in einer besonderen körperlichen und emotionalen Verletzlichkeit und sind häufig auf medizinisches Fachpersonal angewiesen. Gerade dort, wo Schutz, Respekt und Sicherheit selbstverständlich sein sollten, können Grenzverletzungen und Gewalt stattfinden.
Über sexualisierte Gewalt in der Geburtshilfe wird jedoch kaum gesprochen. Sie ist eines der größten Tabuthemen im Gesundheitswesen. Viele Betroffene erkennen das Erlebte nicht sofort als Gewalt. Gesellschaftliche Narrative vermitteln ihnen häufig eine Mitverantwortung, Grenzverletzungen werden als “normal” dargestellt oder bagatellisiert. Die Sorge, nicht ernst genommen zu werden oder Nachteile zu erfahren, führt zusätzlich dazu, dass viele schweigen. Gleichzeitig fehlen Sprache, Sensibilisierung und Reflexion – und bestehende Machtverhältnisse schützen sich oft selbst.
Dabei geht es nicht in erster Linie um Sexualität.
Es geht um die Ausübung von Macht über den Körper eines Menschen. Sexualisierte Gewalt zeigt sich in diesem Kontext auf ganz unterschiedliche Weise — verbal, nonverbal, körperlich, psychisch und strukturell.
Wie zeigt sich sexualisierte Gewalt in Schwangerschaft und Geburt?
Sie kann viele Formen annehmen und beginnt oft dort, wo Selbstbestimmung endet.
Sexismus als Grundlage von Gewalt
Sexismus ist ein System von Macht und Ungleichwertigkeit, das Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder zugeschriebener Geschlechterrollen abwertet, stereotypisiert oder ausschließt. In Schwangerschaft und Geburt zeigt sich das beispielsweise durch die Ungleichbehandlung von Schwangeren und Gebärenden, herabwürdigende Zuschreibungen wie „Sie sind zu emotional“ oder Erwartungen daran, wie sich eine „gute Mutter“ oder eine „kooperative Gebärende“ zu verhalten habe.
Übergriffige, entwürdigende oder sexualisierte Sprache
Worte können verletzen. Kommentare über den Körper, abwertende oder beschämende Aussagen, ungefragte Bewertungen oder Sätze wie „Da müssen Sie jetzt durch“, „Hören Sie auf zu schreien“ oder „Sie müssen stillen“ können Betroffene entwürdigen und ihre Selbstbestimmung untergraben.
Berührungen und Eingriffe ohne Einwilligung
Untersuchungen, Berührungen oder medizinische Maßnahmen ohne ausreichende Aufklärung und Einwilligung sind Grenzverletzungen. Dazu gehören beispielsweise ungefragtes Berühren des Bauches, schmerzhafte oder grobe Untersuchungen, Festhalten, Fixieren oder Eingriffe wie Dammschnitte oder Fruchtblaseneröffnungen ohne informierte Zustimmung.
Auch wenn medizinische Maßnahmen notwendig sein können, bleibt die Einwilligung der betroffenen Person ein zentraler Bestandteil respektvoller und rechtmäßiger Versorgung. Informationen, Kommunikation und Beteiligung dürfen nicht entfallen.
Machtmissbrauch und Entmenschlichung
Gewalt zeigt sich auch darin, Schmerzen, Wünsche oder Grenzen zu ignorieren. Menschen werden bevormundet, kontrolliert oder auf ihre Funktion als „Gebärende“ reduziert, statt als eigenständige Person mit Bedürfnissen und Entscheidungsfreiheit wahrgenommen zu werden. Auch die Weitergabe von Informationen oder das Anfertigen von Bildern ohne Einwilligung gehören dazu.
Strukturelle und institutionelle Gewalt
Nicht jede Gewalt geht von einzelnen Personen aus. Auch Strukturen können Gewalt begünstigen: starre Routinen, Hierarchien, Personalmangel, Zeitdruck oder standardisierte Abläufe ohne Raum für individuelle Bedürfnisse. Das bestehende Machtgefälle zwischen Gebärenden und medizinischem Personal kann dazu führen, dass Selbstbestimmung eingeschränkt wird.
Fehlende Unterstützung nach belastenden Erfahrungen
Gewalterfahrungen werden häufig verleugnet oder bagatellisiert. Beschwerden verlaufen ins Leere, niedrigschwellige Anlaufstellen fehlen und traumatische Geburtserlebnisse bleiben unbeachtet. Diese Tabuisierung erschwert Aufarbeitung und Heilung zusätzlich.
Psychischer Druck und Einschüchterung
Auch Druck, Angst oder Schuldzuweisungen können Formen sexualisierter Gewalt sein. Aussagen wie „Wenn Sie nicht mitmachen, müssen wir einen Kaiserschnitt machen“ oder „Das müssen Sie für Ihr Kind aushalten“ können Zustimmung erzwingen und die Selbstbestimmung erheblich einschränken.
Kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem
Sexualisierte Gewalt in Schwangerschaft und Geburt ist kein Randphänomen. Internationale und deutsche Daten zeigen, dass Grenzverletzungen und Gewalt in der Geburtshilfe alltäglich sind.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt verschiedene Formen respektloser und missbräuchlicher Behandlung während der Geburt als weltweites Problem. Studien aus Deutschland zeigen, dass viele Frauen Eingriffe ohne ihre Einwilligung erleben und ein erheblicher Teil die Geburt als traumatisch verarbeitet. Die Folgen reichen von psychischen Belastungen über Traumafolgestörungen bis hin zu Auswirkungen auf Partnerschaft, Elternschaft und die Beziehung zum eigenen Körper.
Warum wir darüber sprechen müssen
Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Mutterschaft dürfen keine Orte der Gewalt sein.
Dafür braucht es Anerkennung statt Verharmlosung, Sensibilisierung statt Schweigen und echte Selbstbestimmung statt Bevormundung. Es braucht respektvolle Kommunikation, informierte Einwilligung, transparente Machtausübung, verbindliche Schutzkonzepte sowie eine Ausbildung, die Gewaltprävention und traumasensibles Arbeiten selbstverständlich vermittelt.
Vor allem aber braucht es den Mut, hinzusehen, Erfahrungen ernst zu nehmen und sexualisierte Gewalt in Schwangerschaft und Geburt endlich als das zu benennen, was sie ist: ein strukturelles Problem, das Betroffene krank machen kann und das verändert werden muss.
Egal, ob du selbst betroffen bist, als Angehörige*r Antworten suchst oder als Fachkraft Verantwortung trägst – dieses Thema geht uns alle an. Und gemeinsam können wir das Tabu brechen und verändern.
Autorin: Verena Arps-Roelle
