Der Husband Stitch ist Vieles — sexualisierte Gewalt, geburtshilfliche Gewalt, patriarchale Gewalt, Genitalverstümmelung, schwere Traumatisierung, ein körperlicher Angriff auf die Unversehrtheit und die Würde eines Menschen — aber eines ganz sicher nicht: ein Kavaliersdelikt.
Bei einer vaginalen Geburt kann der Damm, also das Gewebe zwischen Vaginalausgang und Anus reißen. Manchmal wird der Damm bei der Geburt auch eingeschnitten, damit er nicht unkontrolliert reißt (was allerdings eine unter Mediziner*innen umstrittene Maßnahme ist und laut aktueller S3-Leitlinie nur bei klarer medizinischer Indikation angewandt werden darf).
Es ist gängige Praxis, nach der Geburt die Wunde wieder zuzunähen. Doch immer wieder wird enger genäht, als medizinisch nötig wäre. Und das ohne medizinische Notwendigkeit, geschweige denn informierte Aufklärung und Entscheidung der betroffenen Person. Nicht selten sogar, ohne dass die betroffene Person überhaupt davon erfährt.
Diese Praxis wird Husband Stitch, oder auch Daddy Stitch genannt; sie wird oft kommentarlos vom medizinischen Personal vorgenommen, mit der Begründung, die vaginale Öffnung (die anatomisch korrekt vaginaler Ausgang heißen muss) für den penetrativen Geschlechtsverkehr „enger“ zu machen und nicht selten auch ohne Inkenntnissetzung des Partners der betroffenen Person.
Der Husband Stitch ist ein drastisches Beispiel für patriarchale Strukturen und Praktiken, in denen weiblich gelesene Körper objektiviert und zur Befriedigung und Lustgewinnung geformt und nach einem bestimmten Ideal normiert werden. Eine Naht, die nicht der Heilung dient, sondern sexuellen Vorlieben anderer, verletzt nicht nur das körperliche Selbstbestimmungsrecht der Gebärenden, sondern auch die körperliche Unversehrtheit, Würde und Integrität der betroffenen Person.
Um es auf einen unmissverständlichen Punkt zu bringen:
Der Husband Stitch ist eine radikale Ausformung sexualisierter, patriarchaler Gewalt gegenüber weiblich gelesenen Körpern.
Autorin: Nadine Birner
